Zyklus „Thanatos“ – graphische Arbeiten mit Tusche und Acryl
Der jüngst entstandene grafische Zyklus mit dem Titel „Thanatos“ rückt ein mythologisches Thema von historischer wie gegenwärtiger – im Grunde genommen von zeitloser – Relevanz als Gegenstand meiner künstlerischen Auseinandersetzung in den Vordergrund.

Einen Grund liefert das Thema selbst: denn „Thanatos“, der ursprüngliche Todesgott aus der griechischen Mythologie, kann gerade auch heute aufgrund alltäglicher Nachrichten über das menschliche Scheitern, die Folgen von psychischen und physischen Verbrechen und nicht zuletzt eines Krieges einen geeigneten Ausgangspunkt für die Reflektion der Geschehnisse liefern. Nicht zuletzt drängen sich auch zahlreiche Assoziationen aufgrund eigener Lebenserfahrungen im Zusammenspiel mit einer übergreifenden Auseinandersetzung mit dem Stoff – der die ambivalente Auslegung, Umdeutung und Auslegbarkeit des perso „Thanathos“ einbezieht – auf. Diese regten zu einer längeren inhaltlichen künstlerischen Umsetzung des Themas an. Dementsprechend motivreich, gegenstandbezogener oder abstrakter, fielen auch die Einzellösungen aus.

Letztlich hat jeder hat schon das Verschwinden des „alten“ Lebens persönlich erfahren. Entweder durch private oder gesellschaftliche Veränderungen. Katastrophen, Unfälle oder politische Auseinandersetzungen spielen eine ebenso entscheidende Rolle wie das Entschwinden der Unschuld, der Träume oder der Verlust oder Tod einer geliebten Person.

Einige mögen auch die Leugnung und die Vermeidung im Umgang mit Thanatos kennen. Durch die Verdrängung und damit die Gefährdung der Aufarbeitung des Unbewussten entstehen tiefe Einschnitte und Wunden. Leere, Ödnis, Trauer und Einsamkeit in den Gedanken und in der Realität können kurz- oder längerfristig auftauchen und den Blick auf die Umgebung und das Leben verändern.

Landschaften und Dinge sehen anders aus als sonst, da sich die Wahrnehmung durch die Ereignisse und die Vergangenheit verändert. Einzelne Situationen werden oft zwangsläufig intensiver und bedeutender wahrgenommen. Man bewegt sich in einer anderen Welt und das Leben erhält einen anderen Rhythmus. Die Leichtigkeit schwindet, dafür tritt nun die Endlichkeit des Lebens und die Schwere des Thanatos hervor – und meist bedeutet es an diesen Schnittstellen zumindest das Ende des bisherigen Lebens

Diese „andere“ Sicht und die veränderten Gefühle wurden versucht in den Grafiken zu ergründen und darzustellen. Die verwandte Technik hierzu setzt sich aus dem Auftragen verschiedener Papierebenen auf Leinwand zusammen. Durch mehrmaliges Schleifen und fragmentarisches Auftragen von Papierstreifen wird eine unregelmäßige und rissige Oberfläche erreicht. Sie erhält damit den Charakter der Verwitterung, des Vergänglichen und Flüchtigen. Die Oberfläche wird dann mit Grundiermittel überzogen. Etwas beigemischte Acrylfarbe verhindert eine reine weiße Fläche. Dennoch lässt sich auf dieser ausgearbeiteten Fläche leicht mit der Feder auf dem unruhig erscheinenden Fundament arbeiten.

Die gewählte Technik erlaubt thematische Bildlösungen die zwischen dichteren und reduzierteren Strukturen, abstrakteren und figürlicheren changieren. Assoziationsspielräume ergeben sich so im einzelnen Bild wie auch in der vergleichenden Zusammenschau dieser.

 

Kleiner Exkurs zum „Thanatos“ - Mythos und historischen Interpretationen

Die griechische Mythologie beschreibt Thanatos als eine am Himmelgewölbe lebende Gestalt, in das, trotz Tages- und Nachtzeiten, nie ein Sonnenstrahl einzudringen vermag. Umschrieben wird er mit schwarzen Flügeln, finster blickend und eine Fackel in der Hand handhaltend. Und/oder: Sterbenden schneidet er mit einem Opfermesser eine Locke ab. Erwähnt wird ebenso sein eisernes Herz, wie seine Erbarmungslosigkeit. „Einen einmal gepackten Menschen gibt er niemals wieder frei und selbst den unsterblichen Göttern ist er Feind“ (Theogonie, 746-766).

Sigmund Freud zog Thanatos, wenn auch spekulativ, als Todestrieb heran, der den Gegenpol zu den Lebenstrieben (Eros) bildete. In seiner 1920 erschienen Schrift „Jenseits des Lustprinzips“ erklärt er, dass seines Erachtens der Todestrieb nach einer Zurückführung des Lebens in den anorganischen Zustand des Unbelebten, der Starre und des Todes strebt und der sich ebenso als Wiederholungszwang äußern kann. Das Streben des Subjekts nach Erhaltung und Stillstand kann, so Freud, auch in ritualisierten Handlungen oder Formen der Zwangsneurose zum Ausdruck kommen.

Bei der Reflektion seiner Auslegung sind dessen Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg und die starken Eindrücke von dem ungeahnten wie unfassbaren Ausmaß menschlicher Zerstörungskraft zu berücksichtigen. Dennoch war Freuds Auslegung des Todestriebs vor allem bei orthodoxen Vertretern der Psychoanalyse heftig umstritten, da diese wiederum Aggression eher als Reaktion auf Entsagungen und Frustrationen verstanden. Das Aggression durchaus auch „produktive“ Aspekte einschließen kann wurde aber aufgrund des eher radikal erscheinenden Todestriebmodell von Freud in der Rezeption eher ausgeblendet. (vgl.: Sigmund Freud, Jenseits des Lustprinzips, 1920, in: Studienausgabe, Bd. III: Psychologie des Unbewußten, Frankfurt/M. 1975, S. 213-272.)

Manche Gegner mahnten auch an, dass sich viel Missbrauch mit dieser Theorie betreiben ließe. Krieg, Völkermord, Kriegsverbrechen, ebenso auch soziale und ökonomische Ausbeutung etc. würden dadurch auf eine biologische Ebene zurückgeführt und damit als unabänderlich legitimiert. Die kritische Analyse der konkreten Ursachen für Aggression und Zerstörungswut läuft dadurch Gefahr hinfällig zu werden.
(vgl.: Jacques Lacan, Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewussten (1960), in: Schriften II, 3. korr. Aufl., Berlin/Weinheim 1991, S. 165-204.)

Und um noch den Psychoanalytiker Wilhelm Reich zu erwähnen: Für ihn waren diese Phänomene weit eher innerhalb des Lustprinzips zu verstehen: Erst die durch gesellschaftliche Institutionen (Familie bis Staat) vermittelte Unterdrückung und Entfremdung von den libidinösen Grundbedürfnissen forme freiheitsunfähige und die Freiheit, hiermit auch die Sexualität hassende Menschen mit einer sadomasochistischen Grundstruktur.
(vgl.: Wilhelm Reich, Charakteranalyse. Technik und Grundlagen für studierende und praktizierende Analytiker, 1933; erw. Ausg. Köln 1970.)

Eine Ungleichgewichtigkeit beider Tendenzen kann zur Nichteinlösung von Bedürfnissen, oder drastischer benannt, zu psychischen Erkrankungen führen. Doch zerstörerische Folgen sind nicht zwangsläufig. Sie können gerade erst recht zur Erhaltung des Lebens beitragen; dem Tod also entgegen zu wirken. Insofern man dem Gedanken folgt, dass Eros nach Zusammenhalt und Vereinigung strebt, der Todestrieb aber nach Auflösung dieser Einheit und nach Verstreuung, wird zudem leicht nachvollziehbar, dass Todes- und Lebenstrieb eine nahezu logische Vermischung eingehen. Insofern gehört zu einer gesunden sexuellen Beziehung immer auch eine aggressive Beimischung, um einen Partner zu „erobern“.

In der Kunst haben seit jeher oft im Zusammenspiel Eros und Thanatos, der als personifizierter Inbegriff des Todes fungiert, ihre Reflexion erfahren. Deren Interpretation und bildliche Darstellung geschieht heute jedoch – zunehmend einseitig motivisch entschränkt und ist stärker von der Absicht geprägt deren Schnittpunkte auszuloten – zwischen Thanatos und Eros, Liebe und Tod.

Dem folgt auch dieser 2011 begonnene Zyklus, der sich als ein „offener“ versteht.

Petra Steinhardt - Kunsthistorikerin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Museum Folkwang, Essen


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