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Ob hell und explosiv oder stiller, dunkler und geheimnisvoller -
Jörg Kuplens Bildwelten entziehen sich einer starren Zuschreibung und jeder Form von Innehalten.
Die gebändigte Farbe auf der Fläche, ist jedoch keine zufällige, willkürliche. Ein bewusster wie intuitiver Gestaltungsprozess, der aus einer Motivwelt schöpft, welche nicht näher und vertrauter sein könnte – der Natur.

Dennoch einer Natur, die nicht als annähernd getreues Abbild zu denken ist oder per se als Motivlieferant. Sie ist nicht erfahrbar ohne Phantasie, undenkbar ohne Emotionen, ohne sich dazwischen schiebende Erinnerungen oder Träume. Jörg Kuplens Bilder changieren zwischen dem Realen und Intuitiven, zwischen Natur- und Phantasiewelten. Sie setzen auf ein Wiedererkennen und gleichzeitiges Verweigern und bieten somit eine Art farbig aufgefüllte „Grauzone“ an, die es zu entdecken gilt. Bildebenen, in denen wir mitunter eine Uferböschung, verwachsene Wald- und Wiesenwege, in einander verschlungenes Wurzelwerk zu sehen glauben. Oder: sich spiegelnde Stadtsilhouetten, herbstliche Waldböden, die winterliche Begegnung zwischen Eis und Wasser und Baumkronen, deren Formen in Wind und Licht aufgebrochen zu sein scheinen.

Dem Assoziationsgehalt sind keine Grenzen gesetzt. Ebenso wenig ist jegliche feste Zuschreibung intendiert.Im Entstehungsprozess mischen sich emotionsgeladene Erinnerungsbilder und Gestaltungsvorstellungen mit momentanen Stimmungen, aus deren Symbiose diese nicht kalkulierbare Bildwelt entspringt.Jörg Kuplens abstrahierten „Zwischenwelten“ laden ein, vorgefertigte Bildmuster wie auch Sehgewohnheiten hinter sich zu lassen. Man könnte auch zugespitzter sagen, sie fordern geradewegs eine Offenheit ein. Eine Bereitschaft auf Distanz zu gehen, zum Alltäglichen und Gegenwärtigen, der Flüchtigkeit im Stadtbild, der vorgesetzten Medienwelt.Die Möglichkeit des Neuentdeckens, wie auch des Wiederentdeckens, macht den Reiz der visuellen Erkundungen in und auf den Farbflächen und Strukturen aus. Schemenhaft gerinnen diese zu Formen, denen das Vertraute, wie Verdrängte abzugewinnen ist, um zugleich wieder aufzubrechen, sich aufzulösen, neu zu formieren. Eine latente Unruhe und mitunter ungerichtete Dynamik ist dabei den Bildern eigen.

Es entsteht immer wieder neu der Eindruck des Flüchtigen, stets Veränderbaren. So sind denn auch Jörg Kuplens Bildtitel eher eine Art Handreichung, die sich wie seine Bilder dem Definierbaren entziehen – eben abstrakte, vielseitig auslegbare Landschaften.So wie ein stürmischer Abend keine festgelegte Erscheinung bietet, hat auch der herbstliche Waldboden unzählig viele Gesichter oder führen Baumhöhlen im fragmentarischen Zugriff oft ein bizarres Eigenleben. Neue eigenständige Naturbilder sind intendiert, vom und für den Künstler selbst.

Weitergegeben ist die Aufforderung an deren Betrachter, ihm in seine perspektivungebunde Naturwelt zu folgen, den sicheren und vorgefertigten Betrachtungshorizont zu verlassen – mit der Option, neue Naturbilder zu entwerfen und zu entdecken oder Erinnerungsfragmente auf zu rufen.

Leitmotive der Bildkompositionen sind daher, wie Jörg Kuplens selbst äußert, die natürlichen Strukturen, Verflechtungen und Bündelungen.Mitunter entdeckt er diese in „gebrochenen, verwachsenen Gehölzen und Pflanzen, zwischen denen sich bizarre Konturen von Insekten, Kadavern und Steinansammlungen abheben und zugleich mit diesen ein Konglomerat eingehen.“ Was entsteht, beschreibt er teilweise als einen eigenen Mikrokosmos, der aus den neuen Formationen und Sedimenten entsteht – nicht unabhängig von Tages- und Jahreszeiten, von Stimmungen und Empfindungen.So schreibt er seinen Bildern selbst ephemere Qualitäten zu: „Jede Darstellung eines „Natur-Bildes“ ist die eigene emotionale Darstellung des momentan, zeitlich Sichtbaren.“

Dennoch ist die Arbeit an einem Bild ein Prozess, der selten auf einen Tag, einen Abend oder einen hellen, freundlichen Sonntagmorgen festzulegen ist.Solch eine bildnerische Arbeit, die neben der beruflichen und überwiegend grafisch ausgerichteten Tätigkeit Bestand hat, lässt sich folglich nicht als eine zeitlich kontinuierliche begreifen. Sie kennt Pausen und Schaffensschübe, wie auch Verwerfungen und Korrekturen.Neugestaltungen beruhen dabei auf veränderten Sichtweisen und daraus modifizierten Bildideen.

Zwischen diese thematische Kontinuität mischen sich bei Jörg Kuplens Ausflüge in die freie grafische Arbeit oder in die Malerei, in der dann auch Sujets wie Akt und Porträt aufgegriffen werden – doch auch hier nicht nach der allein geltenden Form suchend, dem getreuen Abbild.Überblickt man die natürlich-abstrakten Bildwelten Jörg Kuplens, von denen hier drei vorgestellt werden und in der Ausstellung des Stadtarchivs 19 zu sehen waren, so überträgt sich der Stimmungswechsel, wie die Vielgestaltigkeit der „inneren“ Bilder.

Ebenso wenig festgelegt sind die Maßstäbe seiner überwiegend großformatigen Bildgründe. Das Spektrum reicht von 180 x 140 cm bis zu 75 x 55 cm. Unlängst experimentierte er zudem im extremen Hochformat.Differenzierte Farbqualitäten, die aus einer Mischung von Öl- und Acrylfarben und beigefügten Farbpigmenten entstehen, sind stilistische Mittel diese Bildwelten zum Ausdruck zu bringen. Pastose Farbaufträge wechseln mit lasierten Flächen, breite Pinselstriche mit zarten.Scheinbar beruhigten Farbflächen, die ihre Struktur und Außenumrisse einem ebenso variierenden Pinselduktus verdanken, stehen aufgewühlte Farbfelder, großzügige, wie kleinteilige und bizarre Schraffuren gegenüber. Nicht wirklich gegenüber, denn sie bedingen einander und gehen ineinander auf. Sie kontrastieren jedoch erstere in ihrer gleich- oder entgegengesetzten Ausrichtung und in ihrer vibrierenden Struktur. Sie lassen kleinteilige eigenständige Bildeinheiten innerhalb des großen Ganzen entstehen.Im Zusammenkommen der Spuren entsteht die freie übergeordnete Form. Hinterließ jene früher eher einen atmosphärischen, bisweilen mystischen Eindruck, so offenbart sich in den diesjährigen Arbeiten von Jörg Kuplens stärker der expressive Gestus. Dem entspricht auch seine derzeit veränderte Farbskala, in welche nun helle Rot- und feurige Orangetöne eingedrungen sind und die erdigen Ockertöne verdrängt haben. Blautöne haben an Helligkeit gewonnen, integrierte Bildweißen an Stärke oder überraschenden Nuancierungen.Assoziativ spielen sie mit unseren Farbvorstellungen von der Natur, ohne jedoch wirklich mit diesen überein zu stimmen.

So behält der "Waldboden im Herbst" seine Farbenpracht, vermittelt jedoch ebenso ein sommerliches Gefühl. Ob Boden oder Horizont, die Sonne hat sich hier einen Weg gebannt, die natürlichen Formen gesprengt, fast eruptive Wirkkräfte freigesetzt. Flirrende Farben zentrisch, wie nach außen drängend, ergießen sich über der Fläche, die längst keine mehr zu sein scheint. Auch der wuchtige Baumstamm, vielleicht an einer Klippe stehend, will nicht wirklich einer sein.Jörg Kuplens entlässt seine Landschaft mit dem lapidaren Zusatz Wald. Auch hier wird das ungewisse Spiel mit den Bildtiefen fortgesetzt, die durch übereinander gelegte Farbschichten entstanden sind. Folglich doch eher ein Einblick in die entfesselte Natur, ein Durchblick?

Der Ausgang in Landschaft VIII deutet hingegen in seiner aufstrebenden Tendenz sowohl aus dem Bildformat als auch in den sich verjüngenden grünen Farbfeldern ein Eindringen in die Oberfläche an. Hier werden kaum mehr silhouettenhafte Wirklichkeitsfragmente verarbeitet.Der Grad der Abstraktion ist erhöht und scheint nunmehr allein einem künstlerischen Verhandeln der Beziehungsgeflechte zwischen Fläche und Raum geschuldet zu sein. Mit Form- und Farbkontrasten, collageartigen Überlagerungen, entfesselten und rasterartigen Strukturen führt Jörg Kuplens den Betrachter immer wieder neu in seine phantasiereichen, gemalten Bildsphären ein. Wandelbare Realitäten haben ihre Zeichen hinterlassen, gegenständliche Formen und natürliche Prozesse sich wie Chiffren auf den Flächen eingeprägt. Das Infragestellen von Wirklichkeiten, die Auseinandersetzung mit vermeintlichen Realitätsebenen teilt Jörg Kuplens konzeptionell mit vielen zeitgenössischen Künstlern.

In den Naturanleihen hat er sein adäquates Mittel gefunden. Kein Wegschauen von dem was rings um uns passiert ist damit verbunden, vielmehr wurde hier ein eigenes Refugium, eine Art Pendant dazu gefunden. Die Form der freien Interpretation der Naturmotive setzt folglich die Mitwirkung seiner Betrachter in der Rezeption voraus. Daher ist der visuelle Ausschluß des Menschenbildes nur ein indirekter. Erkennbar, deutbar, erfindbar – jedes Bild hat seine eigene Sprache. Was damit anfangen, inwieweit darauf einlassen?
Es obliegt uns selbst, innezuhalten, zu versuchen zu interpretieren, zu deuten, uns zu erinnern, nur das ästhetische Erlebnis in den Formen, Strukturen und Farbnuancen zu suchen oder einfach vorüber zu ziehen und uns wieder dem zu zuwenden, was uns beständig umgibt.Doch was ist schon real, was gegenwärtig oder vergangen? Ändert sich unsere Wahrnehmung von Raum und Zeit nicht ohnehin augenblicklich? Wird sie nicht mitunter gar auf den Kopf gestellt? Warum also nicht einlassen auf eine Bildwelt, die Zeitdimensionen einzufrieren und aufzulösen scheint, die den Blick gleiten lässt in Farb- und Formwelten, die uns zuweilen an verinnerlichte oder kindliche Phantasiewelten erinnern – wenn auch in anderer Form.


Eine Aufforderung zum „Loslassen“ auf jeden Fall.

Eine Einladung zur „Wanderung“, die möglicherweise ein Stück weit den Interessierten zu sich selber führt, ist sie gewiss."Durchbruch" heißt ein Bild von Jörg Kuplens, in dem die sonst ausgegrenzte menschliche Gestalt, schemenhaft aus dem Bild zu eilen oder in das unbekannte Dickicht einzudringen scheint.


(Eröffnungsrede von Petra Steinhardt - Kunsthistorikerin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Museum Folkwang, Essen - zur Vernissage „Wanderung I“ vom 1. März bis 30. Mai 2007 in den Räumen des Leipziger Stadtarchivs)


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