Zeichnungen zum Hineingucken
Unter dem Titel „Ländliche Begegnungen“ zeigte der Kunstverein Donnersbergkreis am vergangenen Samstag die Abschlusspräsentation seines diesjährigen Stipendiaten Jörg Kuplens.
Jörg Kuplens ist freischaffender Grafiker und Künstler und kam von seinem Geburtsort Halle an der Saale über Leipzig nach Berlin, wo er nach wie vor lebt. Den vergangenen Sommer hat er aber als Stipendiat in Obermoschel verbracht, seine Abschlusspräsentation zeigt mit acht Gemälden und sieben Zeichnungen fast alle Arbeiten, die Kuplens in den drei Monaten geschaffen hat. Er hat viel gemalt, sagt er, viel mehr als in Berlin.

„Unser Stipendium hat besonders für Künstler aus der Großstadt einen immensen Reiz“ erläutert Uli Lamp, der Vorsitzende des Kunstvereins, in seiner Einführungsrede. Die Diskrepanz zwischen der Großstadt und dem ländlichen Obermoschel, das „Zurückholen in diese Enklave, in die Natur und die ländlichen Strukturen“ biete den Künstlern die Möglichkeit, zu den eigenen Wurzeln zurückzukommen, so Lamp.

Das hat wie es scheint bei Jörg Kuplens gut funktioniert:
Die Motive für seine Arbeiten hat er auf langen Wanderungen durch den Donnersbergkreis und auf Spaziergängen in Obermoschel entdeckt. Diese Eindrücke hat er dann ins Atelier gebracht und dort bei der Arbeit mit seinen eigenen Gedanken, seinen momentanen Emotionen und Rückblicken verbunden. So entstanden Bilder, in denen die ursprünglich gesehene Landschaft zwar latent vorhanden ist, aber überlagert wird von Strukturen und Farbspielen. Diese Überlagerungen lösen das gegenständliche im Bild mehr oder weniger auf, so dass sich, je nach Betrachter, zahlreiche Assoziationen aufdrängen.

Da Kuplens von Haus aus Grafiker ist, verwundert es nicht, dass die eigentlichen Stars der Präsentation seine Zeichnungen sind.
Betitelt mit „on the way alone – i ride at dawn“ oder „stones of a ruin – disibodenberg“ und gezeichnet mit Tinte und Art Pen eröffnen sie dem Betrachter interessante Ansichten auf Obermoschel und Umgebung – und auch wieder nicht. Er sehe „Drachen und Ritter“ zwischen den Linien, so Reinhard Geller, der zweite Vorsitzende des Kunstvereins, über die Zeichnungen.

Und tatsächlich laden Jörg Kuplens' Zeichnungen zum Hineingucken ein. Zwischen den dichtgesetzten Linien, die auf den ersten Blick Steine, Bäume oder gemauerte Häuser zeigen, scheinen versteckt in den Strukturen Drachen, Riesen und Fabelwesen zu lauern. Dort schläft ein Fuchs, hier schaut den Betrachter ein Auge an, und ist das dort eine Wurzel oder doch eine Kralle? Aus einem Felsblock wird beim zweiten Hinsehen eine Qualle, dann eine riesige Ameise, man kann sich nicht festlegen und möchte es auch eigentlich nicht –
die Zeichnungen bieten eine ungeahnte Fülle an Interpretationsmöglichkeiten und Entdeckungen.

Aber auch in Kuplens' Ölgemälden regiert die Linie. Sie strukturiert sie mit starkem Duktus, fest und mit viel Farbe, so betont, dass sie an manchen Stellen schon aus dem Gemälde heraussteht. Dazwischen finden sich auch zarte Flächen, nur knapp bedeckt, teilweise schimmert der Malgrund durch. Der Kontrast von fester und sich auflösender Form, homogenen und kontrastierenden Farbnuance fasziniere ihn, sagt Kuplens. Er will in seinen Arbeiten Raum schaffen für Assoziationen, dem Betrachter ganz bewusst einen Platz, eine Fläche für seine eigenen Gedanken bieten.

Seine Farbpalette ist dabei schon fast herbstlich, Grün und Orangetöne herrschen vor. Man spürt die Hinwendung zur Natur, Kuplens sagt, dass die Natur für ihn ein existenzieller und essenzieller Bestandteil seiner künstlerischen Arbeit sei.
Auch in Berlin treibe es ihn regelmäßig hinaus in den Grunewald, um „mehr als nur ein kleines Stück Abstand vom Alltag zu nehmen“.
Die Natur als Sehnsuchtsort, so sagte der Beisitzer des Kunstvereins, Detlof Graf von Borries abschließend, sei tief verwurzelt im Menschen. Obermoschel scheint ein solcher Sehnsuchtsort für Künstler zu sein – vielleicht ist das Stipendium des Kunstvereins deshalb so fruchtbar.

Annika Treiber - 08.10.2019 Die Rheinpfalz – Nr. 233


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Natur-Transformationen
In der Stipendiatenwohnung des Kunstvereins in Obermoschel ist wieder ein Gastkünstler eingezogen: Jörg Kuplens. Von Berlin nach Obermoschel? Kein Problem für den Maler und Grafiker, der auch als Künstler ein Natur-Sucher ist.
„Ländliche Begegnung“ ist das Stipendium des Kunstvereins Donnersberg überschrieben, das seit über 30 Jahren Künstler für einen dreimonatigen Arbeitsaufenthalt nach Obermoschel führt. Seit Ende Juni ist nun Jörg Kuplens Gast in der Stipendiatenwohnung am Marktplatz. Er hat das laute Getriebe der Metropole Berlin hinter sich gelassen und genießt es nun, vor der Haustür die Natur zu haben, für die er in berlin weite Wege zurücklegen muss. Einladungen zu ländlichen Begegnungen nimmt er also gerne an.

Denn Jörg Kuplens geht es um Landschaften, um Naturformationen, die er aber durch ganz eigene Metamorphosen hindurchführt. „Was ich auf Spaziergängen sehe, vermengt sich mit dem, was ich denke und fühle“. So sind es erinnerte, gesehene oder besser: erschaute Strukturen, Verformungen, bizarre Gebilde, die sich ihm einprägen und die am Anfang stehen, dann aber die ganz eigene Färbung einer inneren Wahrnehmung annehmen, von Stimmungen, Atmosphären, Gefühlen, Gedanken, die sich über das Motiv legen und dann in kräftiger, fein abgestimmter Farbigkeit zu einer ganz eigenen Welt verdichten.

So bleibe in den Bildern das aufgehoben, was Kuplens als Zeichner und Maler besonders angehe, fasst Kunstvereins-Vorsitzender Uli Lamp beim Atelierbesuch diesen Ansatz zusammen. Zugleich bemerkt er in der Malerei des Berliners eine grafische Grundauffassung, ein Ausgehen von Konturen, zu denen die Farbe dann hinzutritt.

In den Bildern mag man noch die ursprünglichen Motive – Steine, Formationen, Hügel – erkennen, vielleicht aber auch anderes assoziieren. Weitergegeben an den Betrachter sei die Aufforderung, Kuplens „in seine perspektivgebundene Naturwelt zu folgen, den sicheren und vorgefertigten Betrachterhorizont zu verlassen – mit der Option, neue Naturbilder zu entwerfen und zu entdecken oder Erinnerungsfragmente aufzurufen“, hat die Kunsthistorikerin Petra Steinhardt schon vor einem guten Dutzend Jahren über Kuplens geschrieben.

Der ist ein etwas flippiger, sanftmütiger Typ, dem muntere Heiterkeit aus den Augen sprüht. Über seine eigene Kunst spricht er zurückhaltend, lässt lieber die Bilder sprechen, als zuviel von ihnen selbst analytisch auszulegen und zu verbalisieren. Beim Atelierbesuch, der neben den KV-Vorständen Uli Lamp und Reinhard Geller noch einige weitere Besucher angelockt hat, belässt er auch manches unerklärt und im Intuitiven – etwa Gellers Frage, warum Blau in seinen Bildern nicht vorkomme: Blau ist mir fremder. Erklären kann ich das nicht.“

Jörg Kuplens stammt aus Halle, hat Grafikdesign studiert und ist seit 1998 freischaffender Künstler, war nebenbei von 2001 bis 2013 als Grafiker freier Mitarbeiter beim Mitteldeutschen Rundfunk in Leipzig, bevor er die Segel setzte in die heimliche Kunsthauptstadt Deutschlands Berlin. Dort spüre er zwar, wie er erzählt, die große Konkurrenz, aber auch viel Freiheit, Beweglichkeit und ein lebendiges, inspirierendes Kunstgeschehen, das er mehr schätze als die Situation zuvor in Leipzig, die er als starrer, festgefahrener empfunden habe.

Kuplens hat in der kurzen Zeit seines Aufenthalts schon viel geschaffen, mehrere frische Ölgemälde hängen an der Wand oder stehen an Staffeleien auf dem Boden – sie sind bereits zu sehen auf seiner Internet-Seite. Auch grafisch will er noch nachlegen, seine Zeichnungen sind geprägt von einer sehr eigenen Handschrift, von Motiven, die denen der Malerei ähneln, aber von großer Dichte in der Linienführung, Leichtigkeit und reizvollen Grenzgängen zwischen gegenständlichem und freiem Zeichnen geprägt sind.

Thomas Behnke - 09.08.2019 Die Rheinpfalz – Nr. 183


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